Bericht 2: Flug nach Quito

Es geht los.

9. Juni 2016

Reise nach Ecuador.

Weil mein Flug so früh startet, und ich verkehrstechnisch nicht gerade in einem günstig gelegenen Ort lebe, habe ich beschlossen, bereits einen Tag vor Abflug, am 08.06.16, nach Frankfurt/Main zu fahren und dort eine Nacht im Flughafenhotel zu verbringen. „Bad Berleburg ist zwar nicht das Ende der Welt, aber von da aus kann man es sehr gut sehen“ – sagte mir mal ein guter Kunde aus Hamburg. Meinen Pkw habe ich für ein paar Euro in ein nahe gelegenes Parkhaus gefahren. „Wir sehen uns in drei Wochen wieder, Kleiner!“, waren meine letzten Worte zu ihm. Ich weiß, er hat kein Herz, aber ich dachte, das braucht er jetzt, so lange allein neben den vielen fremden Autos, ist auch nicht so leicht. Ich sah zwar kein Lächeln in seinen Lampen, dachte aber, es tat ihm trotzdem gut, in der stillen Hoffnung, dass die Batterie nach meiner Rückkehr ohne Probleme den Motor zünden wird.

Die Nacht im Hotel habe ich kaum mit Schlafen verbracht. Meine Gedanken kreisten um den nächsten Tag. „Wie wird es sein, meinen alten Freund Luis und seine Familie wieder zu sehen, wie sieht es in dem Erdbebengebiet aus? Bin ich der Aufgabe überhaupt gewachsen? Kann ich mir das wirklich anschauen?“ Menschliche Angst überkam mich bei dem Gedanken. „Wie schreibt man einen Bericht für die Presse, sodass er auch Menschen anspricht? Ich habe so etwas noch nie gemacht.“ Wenn Sie noch mehr Schlaflosfragen wissen möchten, schreiben Sie mir doch einfach.

04:07 h – der Wecker klingelt – eigentlich hatte ich die ganze Zeit darauf gewartet. Ich hätte ihn auch wecken können. Duschen, Rasieren, Föhnen, Zähne putzen, ach ja, Anziehen nicht vergessen. Auf das Frühstück im Hotel (Croissant mit einem Apfel) verzichte ich und wandere mit meinem Koffer zum Sky Train, der mich ins Terminal 2 bringt. Da sind die Schalter von KLM. Ich gehöre noch zu der älteren Generation, die nicht mit einem PC kommunizieren will. Darum steuere ich direkt auf eine nette junge Dame zu, die freundlich mit mir spricht und meinen Boarding-Pass ausdruckt. Schön, dass es noch Menschen gibt. Mein Koffer liegt auf dem Band und ich hoffe im Stillen, dass er mit mir in Quito ankommt. Die Kontrolle läuft problemlos und ich stehe in den fast menschenleeren Abflughallen. Ist halt noch früh, aber die ersten Geschäfte haben schon geöffnet.

Es verbleiben noch 1 ½ Stunden. Somit habe ich noch Zeit für ein Frühstück. Auf meiner Suche nach etwas Essbarem finde ich ein – nun ja, wie soll man das nennen? –  italienisches Café mit bayrischen Brezeln, französischen Baguettes, in Kunststoffboxen verpackte Fertigsandwiches aus Holland und röstfrischem Kaffee aus Bremen. Ich zeige auf eine Art Salamibrötchen mit Grünzeug drauf, wünsche mir dann noch einen schwarzen Tee mit einem Beutel Zucker und lasse dafür 8.90 € an der Kasse liegen. Um es so zu sagen, der Tee und der Zucker waren lecker. Das belegte Brötchen hatte jedoch schon mindestens ein bis zwei Tage Lebenserfahrung und das Grüne oben auf der Salami muss mal irgendwann Salat gewesen sein. Ich hab‘s halt gegessen.

Endlich: „Flug KL 1762 nach Amsterdam – bitte zum Ausgang D24 kommen“. Noch einmal Pass-, Ticket-, Gesichtskontrolle und dann ab mit dem Bus, vorbei an einem riesigen A380, ein paar Jumbos, A320 usw. bis endlich der kleine, aber wirklich vertrauenswürdige KLM-Flieger irgendwo auf der Piste steht. 06.48 h, Treppe hoch, Platzsuche, anschnallen, alle an Bord, Türen schließen und jetzt geht es los. „Ladies and Gentlemen here is the Captain speaking! We get the information from the tower that our slot will be with one hour delay.”  Das meinen die doch jetzt nicht ernst, oder? Es waren dann letztlich doch nur 20 Minuten. Vertretbar. Der kleine Brummer lässt die Turbinen aufheulen und es geht los. Nach etwas über einer Stunde setzen wir im sonnigen Amsterdam auf. Nun vom Ankunftsgate B-irgendwas zum Gate E24. Das sind gefühlte 3 km. Es drängen sich große Menschenmassen durch den Flughafen. Keine Ahnung ob Holland Ferien hat oder alle nur wegen mir gekommen sind. Auf jeden Fall finde ich, dass Schiphol ein sehr gepflegter und schöner Airport ist. Die vielen Laufbänder helfen einem, schnell durch die langen Hallen und Gänge zu kommen, wenn da nicht der eine oder die andere Bewegungslegastheniker/in wären, welche sich samt Gepäck so auf das Band stellt, dass für nachfolgende Menschen absolut kein Durchkommen mehr ist. Schade, die Bänder wären sonst eine echt tolle Erfindung.

08.46 h – ich habe noch Zeit, Zeit für einen Wachmachkaffee und eine letzte Zigarette in einer dieser verräucherten Camel-Inhalationskabinen. Man erkennt sie schon von weitem. Nebeldurchflutete Glaskästen, in denen Umrisse von menschenähnlichen Lebewesen zu sehen sind, die permanent und in relativ hoher Geschwindigkeit einen Zug an dem Glimmstängel machen um dann direkt die Asche nicht in, sondern neben den dafür vorgesehenen Aschenbecher abzuklopfen. Ein schrecklicher Anblick – und da muss ich jetzt auch rein. Ich denke, der Lüftung ist übel geworden und sie hat ihren Geist aufgegeben, kann aber auch sein, dass die 16 Intensivraucher auf rund 6 qm etwas zu viel dafür waren. Wie dem auch sei. Gleich liegen 12 Stunden Flug vor mir und der Kapitän mag es nicht, wenn auf seiner Toilette geraucht wird. Und ihm gehören alle Toiletten an Bord. Also schnell noch eine, ach besser gleich zwei durchziehen. Vielleicht hält der Vorrat dann 12 Stunden an. Ich weiß, dieser Gedanke ist Blödsinn, aber Raucher reden sich das immer so ein. Irgendwann halte ich es in der Ekelbox auch nicht mehr aus und bewege mich zum Gate E24.

Durch das Fenster kann ich unsere Boeing 777-200 sehen. Der lange Rüssel, durch den wir gleich gehen werden, liegt schon am Bauch der Maschine. Natürlich checke ich den Flieger von außen genau und bis ins Detail ab. Flügel – o.k., Triebwerke – o.k., Scheibenwischer – o.k., Reifen – kann ich nicht sehen, der Rüssel steht davor. Nun ja, gehen wir mal davon aus, dass die o.k. sind, oder?

Es geht los. Wieder Pass-, Ticket- und Gesichtskontrolle. Am Eingang des Fliegers stehen die Flugbegleiter und lächeln. Das ist ein gutes Zeichen. Meine vorherige Kontrolle und das freundlich dreinschauende Personal geben mir die Hoffnung, dass alles glatt laufen wird. So, nun Sitzplatz finden, Handgepäck verstauen, anschnallen und … „Ladies and Gentlemen here is the Captain speaking! We get the information from the tower that our slot will be with thirty minutes delay.” Hier meint man es so, wie man es gesagt hat. Nach exakt 30 Minuten wird unsere Maschine vom Rüssel weggeschoben und wir rollen Richtung Startbahn. Wir rollen und rollen und rollen. Sage und schreibe 31 Minuten fahren wir so quer durch Holland, bis wir auf der richtigen Bahn sind. Aber jetzt geht es wirklich los. Die Triebwerke werden lauter und lauter, die Maschine vibriert, sie setzt sich in Bewegung und beschleunigt auf rund 260 km/h. Wir heben ab und steigen hoch bis 30.000 ft (9.150 m). Mit etwa 950 km/h geht es über die Nordsee, Richtung England, Irland, den Atlantik, die Karibischen Inseln, Venezuela, Kolumbien bis ins 9.867 km entfernte Quito.

Unser Kapitän ist ein toller Kerl. Über Venezuela und Kolumbien haben sich riesige Gewitterwolken gebildet. Bis zu 13 km hoch. Darüber weg fliegen geht nicht, also jongliert er die Maschine meisterhaft im Slalom um die Wolkenberge herum. Noch 15 Minuten bis zur Landung. Anweisung an die Crew, sich anzuschnallen. Es scheint, als wäre die Einflugschneise zum Flughafen Quito eine Baustelle mit vielen Schlaglöchern. Es rumpelt und poltert, obwohl kaum eine Wolke am Himmel ist. Nach 11 Stunden und 31 Minuten, endlich Bodenkontakt und Erleichterung bei allen Passagieren. Wie schon gesagt, der Kapitän ist ein toller Kerl.

Im Anschluss fliegt die Maschine nach Guayaquil weiter. Ich packe meine sieben Sachen und gehe durch die offene Flugzeugtür in die Gangway zum Terminal. Ich kann mir mein Lachen nicht verkneifen. Ich bin noch einmal in Ecuador, diesem wunderschönen Land mit den vielen tollen Erinnerungen. Gleich werde ich Luis wiedersehen. Unglaublich, nach 7 Jahren.

Immigration – freundliche Beamte sitzen da und warten auf Kundschaft. Es überrascht mich, in so nette, lächelnde Gesichter zu schauen. Aus vielen anderen Ländern kenne ich diese Uniformierten nur als ernst dreinschauende, furchterregende Gestalten, die möglichst ohne jede Regung dem Ankommenden jenen Einfluss ihrer Macht zeigen wollen. Am Gepäckband geht es relativ zügig und ausgerechnet mein Koffer kommt als aller erster aus den Katakomben. Ich sehe die neidischen Blicke der anderen, lege ein geschmeidiges Lächeln auf, heben die 25 kg vom Band und gehe zum Zoll. Auch hier die gleichen netten Gesichter wie vorher bei der Immigration. Man hilft mir, den Koffer auf das Scannerband zu legen. Kurzer Blick auf das Einreiseformular (musste man im Flieger vorher ausfüllen) und mit einem „Bienvenido en Ecuador“ winkte mich der Beamte durch.

Die Tür zur Ankunftshalle öffnet sich. Viele Menschen mit Schildern in der Hand, auf denen irgendwelche Namen stehen, schauen mich erwartungsvoll an. Nein, ich bin nicht Mr. Jo Li Ming oder Peter Smith. Mein Blick geht an den Leuten vorbei und ich sehe eine Hand winken. „Konstantin“ – „Luis“.

Soviel für heute.

Lieben Gruß aus Quito

Konstantin

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