Bericht 3: Ankunft in Quito

Vom Flughafen zum Hotel im Zentrum der Hauptstadt

09.06. 2016

  1. Reisebericht

Ankunft in Quito/Ecuador

Da ich nicht immer die Zeit hatte sofort Berichte zu schreiben, habe ich meine Erlebnisse mit einem Tonbandgerät festgehalten. (Für die jüngere Generation: ein Tonbandgerät ist wie der Sprachaufzeichnungsmodus auf eurem Handy, nur dass man damit nicht WhatsApps schreiben kann oder in Facebook und Instagram Nachrichten an Freunde und Unbekannte versendet.) Es stammt zwar aus der Vergangenheit, funktioniert aber immer noch hervorragend.

Luis kam auf mich zu, wir sahen uns an, lachten und umarmten uns. Er –  echter Ecuadorianer, schwarzes Haar, braune Haut, schlank und drahtig, 45 Jahre jung, ca. 1,72 m groß und geschätzte 72 kg leicht. Ich dagegen – echter Wittgensteiner, 61 Jahre jung! 1,82 m groß, mit Schlüsselbund, Feuerzeug und Tempos in der Hosentasche, stolze 91 kg Eigengewicht, schlank und drahtig lassen wir hier einfach mal weg, bin hellhäutig und habe jagdgraumeliertes Haar. Ich bin überzeugt, wir beide gaben in diesem Moment das Traumpaar am Flughafen von Quito ab als ich ihn an meine Brust nahm, was uns aber völlig egal war. Ich mag Luis sehr, trotzdem dachte ich, die Welt ist ungerecht, er hat sich überhaupt nicht verändert. Ob er sich auch so etwas gedacht hatte, werde und will ich nie erfahren.

Als hätte er es mir angesehen, stellte er gleich die richtige Frage, ob ich einen Kaffee wolle. Natürlich wollte ich einen, denn ohne Kaffee schmeckt doch keine Zigarette. Das ist Raucherlatein und nichts für einen  Nichtraucher. Also bestellten wir zwei Cappuccino, gingen nach draußen (denn auch in Ecuador werden Raucher mittlerweile vor Nichtrauchern in geschlossenen Räumen geschützt) und ich zündete mir, nach nunmehr über 13 Stunden Abstinenz, meine erste Mar??oro an (??=ich will hier keine Werbung für eine bestimmte Tabakmarke machen).

Der neue Flughafen von Quito, er liegt etwa 40 km vom Zentrum entfernt, ist wirklich hervorragend geplant, sehr schön gestaltet, gepflegt und auch übersichtlich. Ich kann mich noch sehr gut an den alten, den sehr, sehr alten erinnern. Er lag mitten in Quito und galt als gefährlich, weil die Einflugschneise zwischen hohen Bergen lag, wo extreme Turbulenzen auftraten, dann tief über die Häuser der Stadt verlief und den Piloten alles Können abverlangte. Wie Luis mir später erzählte, ist aus dem Gelände ein Park geworden. Ich war froh, dass ich auf dem neuen landen durfte.

Er wie auch ich, hatten nach all den vielen Jahren zunächst einmal die üblichen hunderttausend Standardfloskeln parat, von „wie war Dein Flug?“ über „wie geht es Dir?“ bis hin zu „Du siehst ja genauso aus wie damals“. Da das jeder kennt, wechsele ich gleich das Thema. Also, Luis hatte einen Bekannten angerufen, der uns mit seinem Pkw abholen und zu meinem Hotel bringen sollte. Er kam pünktlich, blieb neben uns stehen und wollte voller Ehrgeiz und Hilfsbereitschaft meinen Koffer ins Auto heben. Wo er nicht mit gerechnet hatte war, dass dieser üppige 26 kg wog. Drei Wochen mit dem Idealmaß XL (bis XXL) und 2 Paar Laufwerkzeugen der Größe 46, wiegen halt mehr als drei Wochen M und Schuhgröße 40. Ich habe mit angefasst und gemeinsam schoben wir den grauen Kasten und den restlichen Kram in den Kofferraum. Luis machte es sich auf der Rückbank bequem. Auf dem Beifahrersitz konnte ich zum einen die Strecke verfolgen, zum anderen den Fahrstil von Polivio, (so hieß der junge Mann) bewundern, der es immer wieder schaffte, rechts zu überholen, um links vorn die Lücke gerade noch zu erreichen. Dumm nur, dass es dann rechts wieder schneller ging und wir die soeben überholten Fahrzeuge wieder vor uns hatten. Nun ja, das ist Quito, eine Stadt mit 2,4 Mio. Einwohnern, die sich im permanenten Aufbruch befindet. Sie liegt auf einer Höhe von 2.850 m ü. NN. Das ist jedoch die Durchschnittshöhe. Schnell steigt man auf über 3.000 m oder es geht wieder bergab auf 2.500 m. Die Anstiege auf den 6-spurigen Straßen sind nicht nur sehr steil, sondern auch abenteuerlich. In Ecuador gilt das Rechtsfahrgebot wie bei uns, aber um es so zu sagen, es interessiert keine … Favorisiert wird die mittlere Spur, gerade dann, wenn man langsam ist. Vielleicht kann man ja einen überholen, der rechts fährt und noch langsamer ist. Schmunzelnd denke ich an deutsche Autobahnen. Wie sich die Länder da doch gleichen, bis auf die Steigungen bei uns, die wir so nicht kennen. Ich bin überrascht, wie sich Quito verkehrstechnisch nach all den Jahren verändert hat. Schöne Straßen wurden und werden gebaut, große Kreisverkehre angelegt und moderne Ampelanlagen regeln den Verkehr. Wir kommen ins Zentrum. Die elektrotechnischen Meisterwerke aus der Vergangenheit sind wirklich Vergangenheit. Damals hingen über 20 bis 30 schwarze Elektrokabel an einem Mast, überquerten die Straßen und pendelten dann irgendwo sinnlos oder sinnvoll herum. Heute liegt ein Großteil diese Versorgungsadern unterirdisch.

Polivio fuhr uns vor mein Hotel Mercure Alameda, stieg schnell aus und griff sich gleich meinen Kamerarucksack und die PC-Tasche, während Luis bereits an der Rezeption verschwand, um mein Kommen anzumelden. Somit stand ich allein vor meinem grauen, schweren Koffer, fasste ihn am Henkel und hievte ihn allein heraus. Irgendwie clever, die Ecuadorianer, ich hätte es genauso gemacht. Ich drückte Polivio ein paar Dollar in die Hand, dankte ihm und er verschwand fast so, wie er gekommen war. Das Hotel kannte ich noch von meinem letzten Urlaub in 2009. Es war damals schon gut und hat sich bis heute nicht verändert. Über mein Bad Berleburger TUI Reisebüro habe ich neben dem KLM-Flug, auch dieses Hotel zu einem echt tollen Preis gebucht (danke Melissa). Die bevorstehende Nacht sollte für längere Zeit die letzte sein, die ein bisschen Leben in westlichem Standard bietet. Sauberes Zimmer, Dusche, WC, TV, tolles Bett mit einem Päckchen ecuadorianischer Gummibärchen auf dem Kissen. Ich hab sie nicht gegessen, obwohl sie lecker aussahen.

Nachdem ich mein Gepäck aufs Zimmer im 5. Stock gebracht hatte, fuhr ich mit dem Lift wieder runter und wir beide setzten uns draußen an einen Tisch. Jetzt wurden die Gespräche intensiver und man erzählte sich Geschichten aus dem Leben, von den Kindern, dem Beruf etc., Dinge, die persönlich sind und hier nicht erwähnt werden müssen. Nach einiger Zeit dann, war es soweit und ich bat Luis, mir seine Erlebnisse vom 16. April 2016 zu erzählen, dem Tag, an dem die Erde in Ecuador bebte. Dieses Gespräch habe ich auf Tonband aufgezeichnet und folgt schnellstens.

Liebe Grüße aus Ecuador
Konstantin

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